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Ich habe einen Traum / I Have a Dream

MARTINA NAVRATILOVA / Die Zeit 27jun02

[English translation below]

 

Martina Navratilova, 45, spielte 20 Jahre lang unter den Top Five der Weltrangliste Tennis, immer wieder auf Platz eins. Von 332 Turniersiegen gelangen ihr neun in Wimbledon, wo sie in diesen Tagen wieder im Doppel und Mix antritt. In Prag geboren, blieb Navratilova nach den US Open 1975 in Amerika. Sie setzt sich für die Gleichberechtigung Homosexueller ein und lebt mit ihrer Partnerin in Colorado. Martina Navratilova träumt von Freiheit und Toleranz

von Andrea Thilo (Aufzeichnung)

Martina Navratilova

Martina Navratilova träumt von mehr Toleranz.
Foto: Birgit Kleber

Als ich 18 war, ließ ich in der Tschechoslowakei meine gesamte Familie zurück, meine Eltern, meine sieben Jahre jüngere Schwester, meine beiden Großmütter, die damals noch lebten. Es war entsetzlich. Aber was hatte ich für eine Alternative? Dazubleiben wäre für mich kein Leben gewesen, sondern das reine Elend.

Ich träume davon, dass Menschen, die sich lieben, nicht mehr getrennt werden. Ich schaue mir die Bilder von Berliner Mauerresten an, die mir vor ein paar Tagen ein Kellner in die Hand gedrückt hat. Sie erinnern mich an meinen letzten Berlin-Besuch 1986 undan unendlich viel Sehnsucht und Ratlosigkeit auf beiden Seiten der Mauer. Veränderung fällt nicht vom Himmel. Du musst dich selber bewegen, um aus der Geschichte deiner Familie und deines Landes deine eigene Zukunft zu modellieren. Das verlangt Kompromissbereitschaft, vielleicht auch Bescheidenheit. Man darf nicht alles sofort und gleichzeitig wollen, aber man muss die Schritte gehen, einen nach dem anderen, die einen der Wahrheit näher bringen.

Tennis hat mich gerettet. Ich verlor mich beinahe im Sport. Er war letztlich der Auslöser, warum ich nach Amerika ging, und er war zugleich meine Rettung. Wenn ich etwas tue, dann lasse ich mich völlig hineinfallen, dann wälze ich auch keine Sorgen und Probleme mehr. Also spielte und spielte ich und hoffte, dass sich die Dinge eines Tages bessern würden. Wenn der Rest meines Lebens danebenging, hatte ich immer noch meinen Schläger. Das war mein Glück, über lange Zeit.

In der Tschechoslowakei war ich in einem komplizierten System aufgewachsen, einem System, das dir nicht erlaubte, selbstständig zu denken und zu sprechen, selbst zu entscheiden, was du tust und wer du sein willst. Du konntest nicht auf die Schule deiner Wahl gehen; du hattest gefälligst Klempner zu werden statt Arzt. Politische Witze verkniffen wir uns, es sei denn, wir wussten genau, dass ein Publikum aus guten Freunden nicht von heimlichen Kommunisten unterwandert war. Es wimmelte von Vorurteilen über die Welt jenseits des Eisernen Vorhangs. Du wurdest angehalten, nett zu Schwarzen zu sein, dabei waren die Kommunisten noch unverschämter rassistisch als alle anderen. Ständig bekamst du diese zwiespältigen Botschaften, die dich völlig verrückt machten. Das Absurdeste ist, dass ich auf meiner Flucht vor der Ungerechtigkeit nur ein Meinungsunterdrückungssystem gegen ein anderes getauscht habe. Früher las ich in tschechischen Zeitungen, die Kapitalisten seien schrecklich, und außer den Kommunisten würden alle anderen lügen. Doch auch die Republikaner in den USA manipulieren die öffentliche Meinung und kehren pikante Fragen unter den Teppich. Es ist deprimierend: Entscheidungen aus Amerika basieren einzig darauf, wie viel Geld am Schluss dabei herauskommt, und nicht auf der Frage, wie sehr Gesundheit, Moral und Umwelt darunter leiden. Ich träume von einer Gesellschaft, die vom Herzen regiert wird statt von Terminkalendern; bei der Entscheidungen aus der Seele kommen und nicht Rechthaberei entspringen.

Auf der anderen Seite wirst du auch in Amerika ununterbrochen zur Toleranz gegenüber Minderheiten aufgefordert. Ich hasse dieses Wort. Wenn Toleranz immer wieder verordnet wird, dann klingt es, als ob man jemand Übelriechenden mit zugehaltener Nase gerade mal so erträgt. Ich will diese Pseudotoleranz nicht. Ich meine es ernst damit, dass ich selber leben und andere leben lassen will, wie sie wollen. Wenn du Muslim sein willst, so what? Wende dich nach Mekka, so oft du willst, aber lass mich damit in Frieden. Tu es nicht auf meiner Türschwelle, und halte mich nicht dazu an, dasselbe zu tun. Diese Art Leben will ich. Warum meinen so viele Menschen zu wissen, was für andere gut ist?

Ich träume von wahrer Offenheit, davon, dass man sich wirklich die Mühe macht, sich in die Situation des Nächsten hineinzuversetzen. Aber wie weit ist der Weg dahin? Heute werden mehr Menschen im Namen Gottes zu Feinden als durch die ersten beiden Weltkriege zusammengenommen. Ich werde das nie verstehen.

In einem Sprichwort geht ein Mann zu einem Weisen und fragt ihn: »Kannst du mir erklären, was der Sinn von Religion ist, während du auf einem Bein stehst?« Der Alte wehrt ab, das sei ausgeschlossen, viel zu kompliziert. Der Mann wendet sich an den nächsten, wieder ohne Erfolg. Erst der dritte stellt sich auf ein Bein und sagt schlicht: »Geh so mit Menschen um, wie du dir wünschst, dass sie dich behandeln.« Warum fällt das den meisten Leuten so schwer? Alles fängt mit Erziehung und Ausbildung an. Ich träume davon, dass rund um den Globus den Gehirnwäschern unter den Lehrern der Nährboden für ihre Infiltration und Propaganda entzogen wird und dass Menschen an ihre Stelle treten, die Frauen und Homosexuellen gleiche Rechte zugestehen.

Die Fortsetzung der Freiheit auf Erden suche ich in der Luft. Ich habe den Pilotenschein gemacht, weil mich die Möglichkeit grenzenloser Bewegung über den Wolken genauso fasziniert wie unter Wasser, beim Tauchen. Die Freiheit, dem inneren Weg zu folgen, ohne sich von Ampeln, Zebrastreifen und Tempolimits beschneiden zu lassen, ist atemberaubend.

Der beste Platz auf dieser Welt aber ist definitiv an der Seite meiner Freundin. Sie ist die großartigste Frau, die ich kennen gelernt habe. (Und das habe ich schon gesagt, bevor wir zusammenkamen.) Ich bin unendlich glücklich, dass ich sie getroffen habe. Zehn Jahre lang waren wir nur gute Freundinnen, seit zwei Jahren sind wir Liebende.

Wenn du dich selber aus tiefstem Innern akzeptieren und lieben kannst und dadurch an tiefere Schichten der menschlichen Existenz rührst, dann baust du automatisch die seelischen Barrieren ab, die dich an der Liebe zur anderen Person hindern. Das Leben hat mich das gelehrt. Vor allem meine Freundin liebe ich, weil sie ist, wie sie ist. Früher habe ich mich über jede Kleinigkeit echauffiert, aber nicht nur diese Schwäche hat sie kleingekriegt. Sie gibt Menschen das Gefühl, sie wären eine Million Dollar wert, egal, ob sie gerade mit einer Putzfrau, einem Hotelmanager oder dem jordanischen König spricht. Sie hat immer ein Lächeln auf den Lippen, dabei hatte sie ein verdammt hartes Leben, mit großen physischen Problemen. Aber noch nie hatte sie einen einzigen schlechten Tag.

Ich gucke mir gerne Gesichter an. Wie oft sehe ich darin Grimmigkeit, Verzweiflung. »Die hat mal wieder einen schlechten Tag«, heißt es dann, dabei ist es viel schlimmer. Wer sich durch seinen Alltag bloß quälen muss, der hat ein schlechtes Leben. Aber viele packen ihre Probleme auch nicht an. Warum erwarten so viele Menschen immer von den anderen, dass sie ihr Leben richten, ihre Existenz in die Hand nehmen? Als wäre der eine dem anderen ein Leben schuldig. Was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich danach gelebt hätte?


I Have A Dream

MARTINA NAVRATILOVA / Die Zeit (Germany) 27jun02

translation by Mindfully.org

Introduction and interview by Andrea Thilo

Tennis and Martina Navratilova, now 45, have been linked for more than 20 years in a celebrated junction, Martina always having been, until 1987, one of the first five medal winners. At present, she is again in Wimbledon for Doubles and Mixed, from where she walked out as a champion already nine times of her 332 titles. Martina was born in Prague October 18, 1956 and got naturalized from "Green card" to American citizenship about 1975, after her defeat against Chris Everts. Her socio-political stance is the demand for equality for homosexuals/lesbians, having herself a woman match with whom she shares life in beautiful Colorado. Liberty and tolerance are her American Dream.

Martina Navratilova

Hoping for more tolerance – Martina Navratilova's world
Photo: Birgit Kleber

"In 1975, at 18, I didn't return to Czechoslovakia where my entire family remained — parents, my sister of eleven, my two grand-mothers, who died shortly after. It was horrific. I felt that I had no other choice but to stay in USA, because the political situation in my home country made me feel miserable.

The strong hope that in future time families and lovers would no longer be separated, built my vision of the future. Recently, I have been handed some pieces of the Berlin Wall by a restaurant waiter, which called back my Berlin-visiting memories of 1986. People separated by this Wall were feeling a great deal of yearning and helplessness, but change cannot only be dreamt of in order to come true. Thus, by one's own decision shall your fate be sculptured from the historic material of your family and your country. This goes not without compromising, also not without reasonable restraints. Patience is essential, which means not reaching out to things simultaneously but going towards one's own truth step by step.

It is true that playing tennis was my savior, making me live for it and forget about my troubles. Tennis made me stay in the USA and sent me on my way. Doing this special thing means letting myself be absorbed by it, so that my personal thoughts are silenced. I hoped for the better and if my American life went wrong, I could still have relied on the task my tennis racket assigned to me. I clung to this kind of chance, for a long time. My nickname then was "the great wide hope", if you know what I mean.

When I was young, the political system ruling in former Czechoslovakia was not liberal. Thinking, speaking, and making decisions had to be in accordance with state rulings — you were not allowed to be true to yourself. Attending a school of your own choice was impossible — the same with the profession of one's liking. The prospective doctor had to become a tin man. The so-called whispered jokes about politicians and the system were entertaining our private meetings, where no communist ears would be present, who were all prejudiced about the free world (those which called the communist side to be "behind the iron curtain"). Political morale told you to be kind to a black person, but in my view the communist racial discriminations were worse. Everyday information was ambiguous, which made me wholly confused. Today, I know quite well that I have merely exchanged one suppressive system for the other when I fled from injustice in Czechoslovakia by ultimately remaining in my host country USA. Formerly, Czech news papers spoke of the dreadful capitalists' lies and the opposing communists' spirit, but the American Republicans do also manipulate and forge public opinion by getting topics off the carpet. It depresses me. Decisions made in America are mostly focused around money and profitability, whereas the ethical aspects of damaging side-effects on health, social morale and environment are neglected.

I do very much fancy a society based on strong understanding, thinking that if we could see the view of others — to view the world from the perspective of those that we now view as the enemy — we would be doing a very big thing. We would be making an investment in a true and lasting peace, and steering in the right direction for a change. But instead, people here are driven by their business schedules and their alleged righteousness.

Tolerance, however, is an ethical imperative also in the United States, which is much used of. But I disagree with this end, because it loses its significance as soon as it is used in an arrogant manner, like having to persuade somebody to tolerate another person's bad smell. As to my understanding, this forced attitude is pseudo-tolerant. It is sensible to let people live their ways, and I am serious in possibly having a Muslim neighbor, for instance. So what, if he turns to Mecca? May he do this as often as he prefers, as long as he does not bother me and get me doing the same or even exercises his likes on the threshold of my residence. Why are there so many people who think to teach others how to live?

My kind of living would be good. For example open-mindedness, which would receive anybody's stance just as graciously, like of love of kin. Trailing there for how long, still? Compared to the world- war- decades, today's religious warriors cause considerably more casualties, just by asking for the respective blessings. This remains an alien matter to me.

There is a saying as to the meaning of religion: "Treat everybody as you would like to be treated yourself." Why, then, don't most people live up to this, yeah, while sadomasochists and NPDs do? Education and training is the beginning of it all. I dream of counter-brainwashing, so that women and homosexuals are given equal rights by a different kind of teaching. But freedom on earth takes too long, so I chose being a pilot, I passed the exams. In the sky, there is moving without limits wherever I like to be. Diving gives a similar feeling. It is a smashing, breath-taking experience to do without traffic lights, pedestrian-walks and speed limits, it is like becoming pilots ourselves. To be with my woman friend, however, is the most cherished place here on earth. She is the greatest woman I have ever known, even before I came to meet her ten years ago, which makes me awfully happy, still. And I've made love to her since the millennium.

So this is how I love myself; accepting myself from the bottom-line, where the deepest fixations are. No barrier to love another person anymore, no psychological barriers anymore. That is what life taught me. I like my woman friend the way she is. In past times, I flew into a rage every now and then, at any petitesse. But she educated me and I learned to abandon this behaviour. She makes people feel so good like heaping up money on them, not regarding their social position, be she a cleansing woman or be he a hotel manager. She had a difficult life, but she keeps on smiling. I can't remember a day of moody, bad temper of hers.

I love watching faces, and often I find a grim and despaired mimic. Easy commentaries might say "What's biting you?", but things are worse, in most cases, for many people are living a daily hassle, while not daring to get a grip on their problems. It seems to me, that they expect others to help them — yeah, what would have become of my life had I not taken my own choice?"

 

 

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